Immer mehr Europäer gelten als „praktische Atheisten“. Sie sind nicht an Gott oder religiösen Fragen interessiert. Doch es gibt auch zunehmend Atheisten, die den Glauben an einen Gott ganz bewusst ablehnen.

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Christian Salvesen stellt den philosophischen Atheismus in Geschichte und Gegenwart vor.

Ist Atheismus eine einheitliche Gegenreligion?


Es ist schon erstaunlich, wie viele Religionen und Glaubensrichtungen mit all ihren unterschiedlichen Ritualen und Zeichen der Zugehörigkeit es gibt, während die Gegenseite, die Atheisten, anscheinend ganz einheitlich und schlicht daher kommt. Gero von Randow schreibt in „Die Zeit“ (22. 03. 2007): „Von ein paar spießigen Freidenker-Vereinen abgesehen, bilden die Gottlosen keine Gemeinden. Es gibt weder atheistische Priester noch Medienbeauftragte, ebenso wenig wie besondere Vorschriften für Bekleidung, Ernährung oder Sexualität, es wird kein Ritus befolgt, und an verbindlichen Bekenntnisformeln fehlt es auch. Was also soll am Leben dieser Leute mit der religiösen Blutgruppe null Bemerkenswertes sein?“

Es scheint, als bildeten die Atheisten eine andere Art von Religion, die Religion der Gottlosen, die bar jeder äußerer Merkmale mehr Gemeinsamkeit zeigt als alle anderen Religionen der Gläubigen. Doch Atheismus erweist sich bei näherem Hinsehen als ein löchriges Dach, ja eher als dürres Gestänge. Der Begriff kann die so genannten Ungläubigen und Gottlosen nur sehr notdürftig unter sich beherbergen. Vielleicht ist die Absage an höhere Wesen bei vielen Atheisten auch mit einem ausgeprägten Einzelgängertum gekoppelt. Jedenfalls gibt es ganz unterschiedliche Arten von Atheismus und kein stabiles gemeinsames Dach.

Der Philosoph Sokrates wurde wegen Verführung der Jugend zur Gottlosigkeit angeklagt. Atheist (griechisch: A-theos – Nicht-Gott, gegen Gott) – das Wort bedeutete bis ins 19. Jahrhundert in Europa Verurteilung und Verdammnis durch die Kirche. Dabei wurden die ersten Christen in Rom als Atheisten beschimpft, weil sie Göttern wie Jupiter etc. die Verehrung verweigerten. Also, wer von anderen als Ungläubiger und Atheist gebrandmarkt wurde, war nicht immer auch tatsächlich überzeugt, es gäbe kein „Höheres Wesen“.

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Das gilt für einzelne Märtyrer, aber auch für die Massen von Kommunisten, die unter Stalin oder Mao ihrem Glauben an Gott abschwören und durch den Glauben an die Partei ersetzen mussten. Ideologischer Hintergrund war die Religionskritik von Feuerbach, Marx und Engels, dass sich die Menschen von den Heilsversprechungen im Jenseits abkehren und auf die tatsächlichen Machtverhältnisse auf Erden besinnen und diese für ein besseres Leben verändern sollten. Auch wenn die Päpste des 20. Jahrhunderts um das Seelenheil der Millionen von „Gottlosen“ in den kommunistischen Ländern beteten, wie viele derjenigen, auf die sich die Fürbitte bezog, waren bewusste Atheisten? Wie schnell hat sich doch nach der Wende die orthodoxe Kirche in Russland oder die katholische in Polen wieder in eine führende Position gebracht!

Existentialismus

Wir wollen hier einen bewussten Atheismus beleuchten und damit eine innere Einstellung, die auf jegliche „Hilfe von oben“ verzichtet. Das betrifft eher Einzelne. Menschen etwa, die durch einen schweren Schicksalsschlag oder eine Art Erwachen ihren Kinderglauben an Gott als den gütigen Vater verloren haben, jedoch weiter einen Sinn in einem verantwortungsvollen Leben sehen. Wir können sie als Existentialisten bezeichnen, nach der Philosophie des Existentialismus, die u.a. von Martin Heidegger, Karl Jaspers, Jean-Paul Sartre und Albert Camus begründet wurde.

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Ganz grob zusammengefasst geht es dabei um die Erkenntnis, dass wir nichts dafür können, hier zu sein und zu existieren. Es lastet weder eine Erbsünde auf uns noch gibt es eine Vorsehung. Himmel und Hölle sind hier und jetzt. Wir sind ohne Gott auf uns selbst zurückgeworfen. Doch zugleich zeigt gerade diese wichtige Variante des Atheismus, dass der häufige Vorwurf, Atheisten hätten keine Ethik, nicht stimmt. Ethisches Handeln ist nicht an den Glauben an einen Gott gebunden oder an ein höheres Prinzip der Bestrafung und Vergebung. Viele Menschen folgten (etwa in der französischen Widerstandsbewegung im 2. Weltkrieg) dem atheistischen Existentialismus auf je eigene Weise bis zur Aufgabe ihres Lebens. Sie handelten mitfühlend, ethisch im besten Sinne.

Dass gutes Handeln auch ohne die Annahme eines Schöpfergottes möglich ist, stellen auch viele Buddhisten unter Beweis. Buddha predigte keinen Glauben an Gott. Seine Lehre (dharma) soll ebenfalls nicht geglaubt, sondern überprüft und gelebt werden. Sie wirft den Menschen vergleichbar dem Existentialismus auf seine Selbstverantwortlichkeit zurück.

Atheismus in den Naturwissenschaften

Sehr oft wird Atheismus in Verbindung mit einem materialistischen Weltbild und den Naturwissenschaften gebracht. Da ist etwas dran. Gott kommt in den Erklärungen der Wissenschaftler nicht vor. Allerdings waren die bedeutendsten Physiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Einstein, Planck, Schrödinger, Bohr, Heisenberg u.a., keine erklärten Atheisten. Einige ihrer Äußerungen in Tagebüchern und Briefen klingen eher nach mittelalterlichen Mystikern. Albert Einstein bekannte: „Meine Religion besteht in einer demütigen Beziehung zu einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt.“ Und Max Planck, Begründer der Quantenphysik, sagte: „Materie an sich gibt es nicht, es gibt nur den belebenden, unsichtbaren, unsterblichen Geist als Urgrund der Materie, den ich nicht scheue, Gott zu nennen.“

Unsere abendländische Kultur ist einerseits durch den Monotheismus von Juden- und Christentum geprägt, andererseits aber durch die überwiegend atheistische antike Philosophie, an welche die Naturwissenschaft mit ihrer Kausallogik (Ursache und Wirkung) anknüpft. Solange die Existenz Gottes oder höherer Wesen nicht bewiesen werden kann, hat sie in den Erklärungsmodellen der Wissenschaft nichts zu suchen. In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ zeigte Immanuel Kant die Grenzen des Denkens auf. Es stünde jedem Menschen frei, an ein höheres Wesen zu glauben, und es sei auch für das praktische Zusammenleben sinnvoll, doch jeder Versuch, die Existenz Gottes zu beweisen, führe zu einer Antinomie („Widerstreit der Gesetze“, d.h. zwei gegensätzliche Antworten auf eine Frage wie Gibt es Gott? sind gleich stark und eine Entscheidung für eine Seite könnte nur willkürlich sein).

Zu Kants Lebzeiten, der Zeit der Aufklärung, erkannte Frankreich offiziell die Religionsfreiheit und damit den Atheismus an. Seit dieser großen Zeit des Umbruchs gehen Politik, Wissenschaft und Religion zunehmend getrennte eigene Wege. All die Spielarten des Atheismus vom Agnostiker und Skeptiker bis zum vehementen Kritiker des Christentums und Verneiner Gottes (Friedrich Nietzsche) sind zumindest nicht mehr der Inquisition der Kirche ausgesetzt, wenngleich bis heute Gotteslästerung (Blasphemie) in der Bundesregierung nach § 166 StGB strafbar ist, sofern sie den öffentlichen Frieden stört. Demgegenüber steht das Recht auf Meinungs- und Religionsfreiheit, das auch den Atheismus einschließt. Wie man an dem Streit um die Mohammedkarikaturen sehen konnte, ist dies ein brandaktuelles weltpolitisches Thema. Denn in etlichen islamischen Ländern wird Gotteslästerung sowie Atheismus mit dem Tod bestraft.

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Atheismus heute

Kritik an religiösen Autoritäten wie Jesus, Mohammed, indischen Heiligen, dem Dalai Lama oder dem Papst ist eine Sache, strikter Atheismus, die klare und engagierte Verneinung der Existenz Gottes eine ganz andere. Nach dem 2. Weltkrieg erhielt der Atheismus in verschiedenen Ausprägungen immer mehr Bedeutung und öffentlichen Auftrieb. Zunächst beherrschte der Marxismus einen großen Teil der Weltbevölkerung. Albanien erklärte sich von 1967-1990 zum ersten atheistischen Staat der Welt.

Selbst innerhalb des protestantischen Christentums gab es eine „Gott ist tot“ –Bewegung, auch „negative Theologie“ genannt, vertreten u.a. von Dorothee Sölle und dem Vordenker Ernst Bloch, der meinte: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, gewiss aber auch: nur ein Christ kann ein guter Atheist sein.“

Heute ist eine wissenschaftliche Version des Atheismus im Vormarsch, die sich auf die Evolutionstheorie von Charles Darwin beruft. Einer der einflussreichsten Vertreter dieses „positiven“ Atheismus ist der Biologe Richard Dawkins, Professor für das „Öffentliche Verständnis von Wissenschaft“ in Oxford, vielfach ausgezeichnet für seine Forschung. Er radikalisierte Darwins Theorie mit seinem Buch „Das egoistische Gen“ (1971), worin er die Selektion auf die Genetik ausweitet, postulierte eine Art Kulturgen, das Mem, und gilt mit seinem Bestseller: „Der Gotteswahn“ (2006) als Wortführer des „Neuen Atheismus“, der sich von England aus verbreitet, natürlich ohne Rituale und Zeichen der Zugehörigkeit.

Kritik am Neuen Atheismus


In einer Weise bestätigt Dawkins nur, wie sich unser Weltbild seit Darwin gewandelt hat. Der Schöpfergott hat ausgedient. Vor Darwin hätten auch die großen Philosophen immer noch an einer transzendenten Ursache für das Dasein innerlich festgehalten, danach wurde Gott als Schöpfer nicht nur überflüssig, sondern sogar hinderlich und störend für alle wissenschaftliche Forschung.

In einer anderen Weise, die durchaus kritisch zu sehen ist, verstärkt Dawkins die Tendenz, die Evolutionstheorie Darwins nicht nur als ein Erklärungsmodell der Biologie, sondern als eine allumfassende Lebensauffassung und als ein Weltbild zu verstehen, das eben in alle Bereiche eingreift und auch den religiösen Glauben bestimmt. Bereits anlässlich der 100-Jahrfeier von Darwins „Entstehung der Arten“ 1959 erklärte Sir Julian Huxley, ein Vorläufer Dawkins, in seiner Festrede: „Der evolutionäre Mensch kann keine Zuflucht mehr in den Armen einer von ihm selbst erfundenen, vergötterten Vaterfigur finden“.

Kardinal Ratzinger warnte 1986 in seinem Vorwort zum Buch „Evolutionismus und Christentum“ (Spaemann u.a.):

„Wenn das Mittelalter eine ‚Rückführung aller Wissenschaft auf die Theologie‘ (Bonaventura) versucht hatte, so kann man hier von einer Rückführung aller Realität auf ‚Evolution‘ sprechen, die auch Erkenntnis, Ethos, Religion aus dem Generalschema Evolution glaubt ableiten zu können. Dass diese Philosophie sich als scheinbar reine Auslegung naturwissenschaftlicher Erkenntnis darbietet, sich mit ihr geradezu identifiziert, gibt ihr eine fast unwidersprechliche Plausibilität, die inmitten der allgemeinen Krise philosophischen Denkens nur um so wirksamer ist.“

Hier könnte sich, und das ist nicht nur die Sorge der Kirche oder der christlichen Fundamentalisten, sondern auch die einiger Philosophen wie John C. Lennox, der Neue Atheismus als eine Doktrin, ja als aggressive Form der Manipulation entpuppen.

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Fazit

Atheismus ist eine starke, kaum zu ignorierende Tendenz in der westlichen Welt. Ich sehe dafür vor allem zwei Gründe. Erstens: Die Menschen wollen sich nicht länger von einer Autorität, sei sie Gott oder der Staat, vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben. Zweitens: Sie wollen zugleich Sicherheit und eine plausible Erklärung der Welt und ihrer Existenz. Die Wissenschaft scheint das liefern zu können. Gott kommt in der Wissenschaft nicht vor, okay, aber die Beweise überzeugen. Jedes neue Warum? findet durch irgendeine Universitätsstudie eine (vorläufige) Antwort. Das ist interessant und beruhigt zugleich. Doch auch wenn es so scheint, als würde alles bestens so aus sich heraus funktionieren, etwa durch die Auswahl des Stärkeren in der Natur, ist ja nicht bewiesen, dass nicht hinter all dem, was Darwin und seine Nachfolger herausgefunden haben, eine höhere Intelligenz, ein Schöpfergott stecken könnte! Darwin selbst schrieb:

„Ich habe niemals die Existenz Gottes verneint. Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott. Die Unmöglichkeit des Beweisens und Begreifens, dass das großartige, über alle Maßen herrliche Weltall ebenso wie der Mensch zufällig geworden ist, scheint mir das Hauptargument für die Existenz Gottes.

Autor: Christian Salvesen

Ich greife nicht eine bestimmte Version von Gott oder Göttern an. Ich wende mich gegen Gott, alle Götter, alles Übernatürliche, ganz gleich, wo und wann es erfunden wurde oder noch erfunden wird. Richard Dawkins, Evolutionsbiologe

 

Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott. Charles Darwin, Begründer der Evolutionstheorie

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