In Benares, der heiligen Stadt Nordindiens, in einem kleinen Zimmer, lebte einst ein heiliger Yogi. Er genoss im ganzen Land einen ausgezeichneten Ruf als spiritueller Lehrer. Zu seinen zahlreichen Schülern zählten sowohl Könige und

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Herrscher aus unterschiedlichsten Ländern, sowie angesehene Künstler, bekannte Wissenschaftler und andere bedeutende Leute.

Die Menschen schätzten den Yogi deshalb so sehr, weil er sich wie kein anderer mit äußerster Genauigkeit an alle Regeln der Reinheit hielt. Dies tat er zum einen, um als Vorbild zu dienen und zum anderen hoffte er, durch so ein sattvisches, sprich reines Verhalten, endgültige Erleuchtung zu erlangen. Er aß weder Fleisch, noch Fisch. Auch Knoblauch und Zwiebeln mied er, verzichtete auf Zucker und nahm auch keine frittierten Speisen zu sich. Er rauchte nicht und auch dem Alkohol gegenüber war er standhaft. Wenn er nicht damit beschäftigt war, Belehrungen vor seinen Schülern zu halten, betete er. Mindestens drei Mal am Tag, immer zur gleichen Zeit, saß er in seinem Zimmer und betete. Es sah aus, als würde er aus tiefstem Herzen beten und immer das gleiche Mantra rezitieren. Seine Augen blieben verschlossen und er öffnete sie immer nur dann, wenn einer seiner Schüler zu ihm kam, und wissen wollte, wie man in Fleisch und Geist ein reines Leben führen könne.

Die Bleibe des Yogis befand sich im zweiten Stock eines alten, einfachen Hauses. In der gleichen Straße, auf dem gleichen Stockwerk des gegenüberliegenden Hauses lebte eine junge Prostituierte. Ihr Ruf als eine ganz besondere Prostituierte hatte dazu geführt, dass sie eine sehr erlesene Klientel hatte. Deshalb war sie tagein, tagaus sehr beschäftigt und empfing von morgens bis abends ihre ehrenwerten Kunden, bekannte Wissenschaftler, erfolgreiche Künstler, renommierte Geschäftsleute aus der Stadt. Sie tanzte und sang und tat von morgens bis abends all die Dinge, die eine Prostituierte normalerweise tut. Der Yogi sah sie jeden Tag und obwohl er enthaltsam lebte und körperlich rein war, war sein Geist besessen von ihr. Er beobachtete sie häufig, während die anderen ihn in Meditation wähnten. Und dabei dachte er eifersüchtig: „Das ist schon der zweite Kerl, den sie heute zu sich lässt. Und da kommt auch schon der dritte. Und den vierte nimmt sie voll Zärtlichkeit in den Arm!“ Manchmal konnte er sich vor lauter Eifersucht und Verlangen nach ihr gar nicht auf die Meditation konzentrieren. Gleichzeitig aber war er sich aber seiner eigenen Gefühle ihr gegenüber gar nicht bewusst, sondern verurteilte sie stattdessen unentwegt und dachte immer wieder, wie schlecht, sündhaft sie sei und wie wenig spirituell sich all jene Männer verhielten, die es immer wieder in ihre Arme trieb. Jeden Tag, wenn es dem Sadhu einen Stich ins Herz versetzte, wenn die Prostituierte einen Kunden in ihre Arme schloss, dachte er bei sich: „Wieso muss ein so guter, reiner Mensch wie ich, einer solchen Prostituierten gegenüber wohnen und Tag für Tag so etwas unreines mit ansehen?“

Die junge Prostituierte hingegen hatte dem Yogi gegenüber ein ganz anderes Empfinden. Wann immer sie etwas Zeit für sich hatte, sah sie voller Ehrfurcht zum Yogi hinüber. Jedes Mal, wenn sie sah wie er meditierte, wurde sie von tiefster Reue erfüllt und dachte sich dabei: „Wie rein und heilig dieser wunderschöne Yogi doch ist. Er wird bestimmt niemals im Leben auch nur einen einzigen schlechten Gedanken haben. Von schlechten Taten ist er ohnehin frei, denn all die Jahre, die ich ihn jetzt schon beobachtete, hat er nie etwas Böses oder Schlechtes getan. Und ich hingegen, in welch elendigem Zustand friste ich mit meinem unreinen Leben hier mein Dasein. Wenn ich doch nur so reinen Herzens wäre wie der Yogi. Aber für mich gibt es wohl keinen Ausweg.

So gingen die Jahre ins Land. Beide lebten ihr Leben und waren doch immer mit den Gedanken beim anderen. Und zufällig wollte das Leben es, dass beide am gleichen Tag starben. Der Yogi hauchte seinen letzten Atemzug umgeben von seinen zahlreichen Schülern aus. Aber bevor er starb, gab er allen noch einen wichtigen moralischen Grundsatz mit auf den Weg, der sie darin unterstützen sollte, ein ebenso reines Leben zu führen wie er. Schließlich wollten auch alle seine Schüler die Erleuchtung erlangen. Das Begräbnis des Yogis wurde feierlich begangen. All seine berühmten Schüler waren gekommen um einen letzten Abschiedsgruß an ihn zu richten, während sein Körper mit Kostbarkeiten bedeckt wurde und er anschließend auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Die Prostituierte hingegen starb alleine in ihrem kleinen Zimmer. Niemand war bei ihr und man schaffte sie bei Nacht aus dem Haus, desinfizierte noch vor Morgengrauen ihr Zimmer, und verbrannte sie ohne irgendeine Zeremonie, in der Nähe der Slums am Rande der Stadt.

Die Seele des Yogis und der Prostituierten kamen wie alle anderen Seelen in die nächste Welt. Aber vorher wurden sie noch bei der Eingangspforte des Dharma, der Rechenschaft geprüft wurden. Spirituelle Führer aus der geistigen Welt sahen ihre Akten durch, prüften ihre Aura und gaben jedem anschließend einen Zettel auf dem stand, wohin sie nun gehen sollten. Auf dem Zettel der Prostituierten stand „Himmel“ und der Yogi bekam einen Zettel, auf dem „Hölle“ stand. Der Yogi war außer sich, als er es sah und schrie außer sich vor Wut: „Was soll das? Wo ist hier die Gerechtigkeit? Eine Prostituierte, die es jeden Tag mit unzähligen Männern getrieben hat und eine Inkarnation der Sünde selbst ist, schickt ihr in den Himmel. Einen reinen Yogi wie mich, der den ganzen Tag nicht anderes getan hat, als Belehrungen zu halten, zu meditieren und ein spirituell reines Leben geführt hat, den wollt ihr in die Hölle schicken? Welche Erklärung habt ihr dafür?“ Der spirituelle Führer aus der geistigen Welt aber blieb ruhig und antwortete: „Komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen“. Daraufhin öffnete er einen Palmenblattordner, in dem sämtliche Gedanken aufgeführt waren, die der Yogi im Verlauf seines Lebens gehabt hatte. Darunter waren auch all die wertenden und bösen Gedanken der letzten Jahrzehnte, in denen er Tagein, tagaus das Verhalten der Hure bewertet und sie für ein minderes Wesen gehalten hatte. In diesem Moment war der Yogi zutiefst beschämt. Erst jetzt realisierte er, dass er zwar ein körperlich reines Leben geführt hatte, seine Gedanken aber dunkel, destruktiv und unrein gewesen war. Nachdem der Yogi einen Blick in seine eigenen Akten geworfen hatte, hielt der spirituelle Führer ihm den Palmenblattordner der Prostituierten hin. Dort konnte der Yogi lesen, wie reuevoll die Frau jeden Tag an ihn gedacht hatte. Nachdem der Yogi ihre Gedanken gelesen hatte, begann er bitterlich zu weinen und schämte er sich fürchterlich. Nun erkannte er, dass es im Grunde die Prostituierte gewesen war, die ein reines und spirituelles Leben geführt hatte und nicht er. Und nun verstand er, warum er in die Hölle und sie in den Himmel gehen musste. Voller Reue ging er den Weg und gelobte sich, bei der nächsten Wiedergeburt besser auf seine eigenen Gedanken zu achten.

 

Autorin:
Doris Iding
Auszug aus dem Buch “Alles ist Yoga“, mit freundlicher Genemigung des Schirner Verlags

Alles ist Yoga ist eine Sammlung überlieferter Weisheitsgeschichten aus dem Yoga, gewürzt mit Erlebnissen der Autorin. Jede Geschichte verdeutlicht auf ihre Weise, dass auch Yogis und Gurus Menschen sind und dass Spiritualität während der Arbeit oder einer intimen Beziehung, schlicht in jedem Moment des Lebens stattfindet, und nicht nur irgendwo im fernen Himalaya. Es geht um Themen wie subjektive Wahrnehmung des Egos, Gier und Angst des Menschen oder um Schüler-Lehrer-Beziehungen und die Kostbarkeit des gegenwärtigen Augenblicks. Es sind in erster Linie humorvolle Geschichten, die den Leser darin unterstützen sollen, dem Leben und der spirituellen Praxis mit etwas mehr Leichtigkeit zu begegnen.

 

buch_alle sist yogaAlles ist Yoga
ISBN 9783897676947
Iding, Doris
Verlag Schirner

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