... und von der Kunst, du selbst zu sein! Penny McLean – einst ein bekannter Popstar – ist Autorin von Lebenshilfe-Büchern. Im Gespräch erläutert sie, wie man Loslassen lernen kann...

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Frau McLean, Ihr letztes Buch endet mit den Worten: „Ich habe alles gesagt. Nun muss sich der Brunnen erst wieder füllen.“ Damals hatte man den Eindruck, dass es so bald kein neues Werk von Ihnen geben würde. Doch nun legen Sie mit „Lass los, was Dich festhält“ (Ansata Verlag) ein äußerst kluges und hilfreiches Buch vor. Wie kam es, dass sich der Brunnen so schnell wieder füllte?

Als ich im mein Buch über die Gesetze der Schicksalsrhythmen beendet hatte, war ich fühlbar verausgabt. Diese zweifellos anspruchvollste meiner bisherigen Arbeiten konfrontierte mich ganz nebenbei mit höchst anstrengenden persönlichen Denkprozessen, welche eine Umgestaltung meines Lebens praktisch unumgänglich machten. Damals nahm ich an, dass diese Strukturveränderungen lange Zeit in Anspruch nehmen würde und ich war selbst am meisten überrascht, dass sich diese Phase dann doch fast wie im Zeitraffer-Tempo abgespielt hat.

Der Titel Ihres neuen Werks klingt ein bisschen wie „Sorge Dich nicht, lebe!“ Hoffentlich wird es auch so erfolgreich! Wie würden Sie selbst beschreiben, was Ihnen da aus der Feder geflossen ist?

Die vorliegende Arbeit hat mit Sorglosigkeit ungefähr so viel zu tun, wie die Wirtschaftskrise mit einer Comedy-Show. Vielmehr ist sie eine Zusammenfassung und ein Ausdruck meiner Vorträge und Beratungen, in denen sich die momentanen Bedürfnisse, Sorgen und Ahnungen der Allgemeinheit schon immer gespiegelt und fokussiert haben.

Ich plane meine Themen nicht, sondern die Themen treten an mich heran, beinahe wie unerwartete Besucher, die sich im Laufe der Zeit dann als ziemlich anstrengende Dauergäste entpuppen und erst wieder von dannen ziehen, wenn man sich ihrer subtilen Ansprüche gebührend angenommen hat.

Loslassen – das klingt so einfach. Was bedeutet es im Kontext Ihres Buches? Und: Wie groß muss die Anstrengung sein, um das Ziel zu erreichen?

Wenn für einen Menschen ein bestimmtes Festhalten der vermeintlich einzige Halt ist, der ihn vor einem scheinbaren Abgrund bewahrt, dann ist das Experiment des Loslassens alles andere als einfach. Denn wer lässt sich schon ohne optimierte Alternative auf einen freien Fall ein? Da wird die Aufforderung über den eigenen Schatten zu springen zur olympischen Disziplin, die mit unablässiger Übung und Zielstrebigkeit verbunden ist. Was jedoch im ersten Moment den Beigeschmack eines Trainingslagers erzeugen mag, stellt sich bei einiger Bereitwilligkeit ziemlich schnell als erlösendes Befreiungsprogramm heraus, welches Freude an der eigenen Entwicklung und einen fühlbaren Fortschritt bringt.

Auf welchen Aktionsebenen findet das Loslassen statt? Geht es über schädliche Verhaltensmuster, bohrende Zweifel und schlechte Gedanken hinaus?

Natürlich müssen nutzlose oder sogar schädliche Verhaltensmuster durchschaut und bearbeitet werden, aber das allein kann nicht der Grund sein, warum ich mich auf dieses Buch- Abenteuer eingelassen habe. Vielmehr war ich von der Vermutung gedrängt, dass eine generelle Überprüfung unserer Denkstrukturen mehr als notwendig ist. Und zwar nicht, weil, wie momentan gerne verbreitet wird, im Jahre 2012 der Weltuntergang stattfindet, was natürlich eine besonders bequeme und gründliche Lösung sämtlicher Problemansammlungen bedeuten würde, sondern weil er eben nicht stattfinden wird. So bleibt uns die Last der Korrektur der Fehler der Vergangenheit erhalten und ich bin mir sicher, dass inzwischen jedem klar geworden ist, dass sich der „Schuldenberg“ keinesfalls vergrößern darf, und zwar nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten mit beispielloser Arroganz über eine beachtliche Anzahl von grundlegenden Erfahrungswerten hinweggesetzt, was uns nun zwingt, endlich die Konsequenzen zu ziehen. Unser gesamtes Gesellschaftssystem muss neu überdacht werden im Sinne einer sozialen Neugliederung, die jedoch keinesfalls von den Geistern bewirkt werden kann, welche die momentane Situation in der Vergangenheit bewirkt und in der Gegenwart gefördert haben.

Zusammenfassend gesagt: Wir müssen viel mehr loslassen, als nur die Dinge, welche mit unseren privaten Belangen zu tun haben.

Ist es zu einfach gedacht, wenn man sagt, loslassen bedeutet, sich von etwas zu trennen, sich für immer von etwas oder jemandem zu verabschieden? Ist die Angelegenheit nicht etwas komplizierter?

Wie ich bereits angedeutet habe, ist, soweit ich es beurteilen kann, die Zeit der Ego-Pflege und der Spaß-Gesellschaft vorbei. Der Satz „ Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ muss in den nächsten Jahren nicht mehr als freundliche Empfehlung, sondern als dringliche Aufforderung verstanden werden. Wobei, wie mir scheint, vor allem die Formen der Selbstliebe neu überdacht werden müssen, wenn sich ein gesundes Selbstverständnis der Nächstenliebe einstellen soll.

Es haben sich inzwischen so viele destruktive Verhaltensweisen als Selbstverständlichkeit etabliert, dass ich mich frage, wie sich eine gesunde, also nicht reaktionäre, sondern konstruktive Rückgewinnung grundsätzlicher Werte gestalten soll.

Um ein wirkliches, also bewusstes Loslassen zu erreichen, empfiehlt sich zuallererst eine kollektive Einsicht in die Fehlleistungen in der Vergangenheit. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es seit Jahren kein Mensch mehr wagt im wahrsten Sinn des Wortes aufzustehen und laut „Nein, danke“ zu sagen, wenn unsere „Kaiser“ glauben, sich bar jeglicher Gewänder präsentieren zu müssen, und damit meine ich durchaus nicht die körperliche Entblößung.

Welche Rolle spielt der menschliche Geist dabei? Wie nötig ist es, ihn von allem, das ihn festhält, zu befreien, damit man loslassen kann?

Der menschliche Individualgeist wird, wie inzwischen jeder Oberschüler lernt, vom kollektiven Geistgeschehen der Menschheit geprägt, das sich, wie wir von Altvater Jung wissen, fataler Weise nicht am Anspruchsvollsten orientiert, sondern genau am Gegenteil. Wir haben Grund zur Annahme, dass sich die Anspruchsvollen in letzter Zeit, sprich seit ca. 50 Jahren, zunehmend in eine “ splendid isolation“ zurückgezogen haben, auf eine geistiges Duodezfürstentum, von dem aus die generelle Entwicklung mit einer gewissen Frustration und Besorgtheit beobachtet wird. Das gewaltige Gegengewicht bildet inzwischen eine ziemlich hilflose Mittel- und Unterschicht, die auf Erlösungsaktionen von „oben“ wartet, die nicht kommen können, weil sich „oben“ keiner befindet, der sich auf das Lösen der selbst verfertigten Gordischen Knoten versteht.

Wir müssen uns von dem Gedanken trennen, dass es eine politische Instanz gibt, welche auch nur im Geringsten daran interessiert ist, den Bürgern ihres Landes Sicherheit und Wohlstand zu bescheren. Die Zeit der Eigenverantwortung ist angebrochen, und zwar in jeder Beziehung.

Es heißt immer wieder: Erst wenn man auch sich selbst losgelassen hat, findet man zu sich selbst. Ist diese Auffassung richtig?

Es ist mir wohl bekannt, dass eines der esoterischen Schlagworte das berühmte „sich selbst Loslassen“ ist. Leider muss ich mich, soweit es diese Begrifflichkeit angeht, als nicht zuständig entschuldigen, denn ich sehe keinerlei tiefen Sinn darin, das Einzige und Wichtigste, das ein Mensch besitzt, nämlich sein Selbst, samt und sonders einer ungewisse Dimension zu überantworten.

Jedoch sehe ich den wirklichen Sinn der menschlichen Existenz darin, die Belange des Ego zu durchleuchten und seine Überflüssigkeiten nicht nur zu kommentieren, sondern auch zu transformieren. Wie wir wissen, lässt sich nichts aus dieser Welt spurlos entfernen, jedoch stehen jeder Spezies nach wie vor zahllose Möglichkeiten der Verwandlung zu Verfügung.

Gerne gebe ich Ihnen jedoch zu, dass es eines der höchsten Ziele des Menschen ist und bleibt, das „unruhige Herz in die Ruhe Gottes“ zu bringen, an den zu glauben es uns die Entwicklungen der Zukunft wesentlich leichter machen werden als bisher.

Es gibt auch ein letztes Loslassen – im Tode nämlich müssen wir das Leben loslassen. Kann man sich darauf vorbereiten?

Das ganze Leben ist eine Vorbereitung auf diesen finalen Abschied. Doch zu den frappierenden Eigenschaften der menschlichen Psyche gehört es anscheinend, sich so zu verhalten, als sei der Tod ein Umstand, der a.) nur die Anderen betrifft, und b.) eine verabscheuungswürdige Ungerechtigkeit ist.

Diese Begriffsbeurteilung entspricht absolut der materiell orientierten geistigen Entwicklung, die schon am Anfang des 20. Jahrhunderts in vollem Gange war.

Es wäre durchaus hilfreich, im allgemeinen Bewusstsein das Todeserlebnis als stärkste Wesenhaftigkeit des physischen Menschen wieder auferstehen zu lassen. Dann würde sich auch ziemlich schnell eine neue Beurteilung des Alterungsvorganges einstellen, was wiederum ungeahnte Auswirkungen auf die Gestaltung der Lebensabende unserer Vorfahren hätte. Ganz zu schweigen vom Umgang mit Krankheiten und vorzeitigen Sterbefällen.

In der Liebe erleben wir immer wieder, dass sie – auch auf der körperlichen Ebene – nur funktioniert, wenn wir loslassen. Scheitern so viele Beziehungen daran, dass die Beteiligten nicht loslassen können?

Liebe wird, zumindest solange man noch jung ist ,verdächtig oft mit hormonellem Irresein verwechselt, was durchaus mit dem unsichtbaren irdischen Pachtvertrag zu erklären ist, dem wir unterworfen sind und der verlangt, dass wir für die Vermehrung unserer Spezies zu sorgen haben.

Jeder kennt die Enttäuschungen, die aus dem Erfüllungszwang dieser Forderung entstehen. Solange dieses Spiel nicht durchschaut ist, und das eine (Pachtvertrag + Triebstrebung) mit dem anderen (Liebe) weiterhin hingebungsvoll verwechselt wird, kann keine Erlösung stattfinden.

Das, wonach sich jeder sehnt, ist jedoch nicht das große Partner-Loslassen, sondern die geglückte Verbindung zwischen Pachtvertrag und Liebe. Doch dazu müssten schon unsere Jugendlichen völlig anders aufgeklärt werden, als es heute üblich ist. Und selbst dann würde die Selbstkontrolle vom juvenilen Sturm und Drang wie eine losgetretene Lawine überrollt werden, zumindest solange das kollektive Bewusstsein diese Zusammenhänge nicht als Selbstverständlichkeit aufgenommen und akzeptiert hat.

Gerade im Westen sind wir es gewohnt, zu halten und zu klammern. Müssen wir mehr Gelassenheit im Umgang mit allem lernen und dazu das Geben wieder neu entdecken?

Wir müssen die Gleich-Gültigkeit wieder entdecken! Uns sind jahrelang Selbstverwirklichung, Selbstfindung, Selbstbetrachtung und Selbstbefriedigung (im Sinne von Selbst-Erfreuung) so sehr als einzig seligmachende Seelenjakobswege anempfohlen worden, dass ich glaube, dass die Kehrtwendung auf diesem Gebiet die schwerste Übung sein wird.

Wo haben Sie selbst losgelassen? Wie schwer ist es Ihnen gefallen?

Ich sage nur so viel: Alles, worüber ich geschrieben habe, resultiert aus meiner Erfahrung. Und alles, was ich empfohlen habe, habe ich selbst getan. Und manches ist mir so schwer gefallen, dass es fast zu diesem Buch nicht gekommen wäre. Aber unter anderen Voraussetzungen hätte ich nie gewagt, mich über dieses Thema auszulassen.

Wie steht es nun mit dem Brunnen? Wann füllt er sich denn wieder? Oder mit anderen Worten: Können wir auf ein nächstes Buch von Penny McLean hoffen oder haben Sie dieses Gedanken längst losgelassen…?

Da ich mein Leben in wachsenden Ringen lebe, werde ich es wohl versuchen. Ob ich es vollbringen werde, wird wohl von einer sehr intimen Absprache mit der Höheren Instanz abhängen. Wie wir wissen, bin ich ein Auftrags-Schreiber...

 

Und hier geht zum Buch von Penny McLean:

buch_lass lso was dich festhaeltLass los, was dich festhält
ISBN 9783453702066
McLean, Penny
Verlag Heyne

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