Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und Ernährungsexpertin mit eigener Praxis in Dresden. Sie zeigt auf, wie man Stressfaktoren wie Termindruck, Konkurrenzkampf, Konflikte, Streit, Lärm,...

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Krankheit, Rauchen, Alkohol, falsche Ernährung, Informationsüberflutung, Trennungen, Unzufriedenheit mit dem Aussehen und anderes mehr, mental und emotional in den Griff bekommen kann. Dr. Bürgel ist häufig zu Gast im Fernsehen und sie hält regelmäßig Vorträge. In ihrem neuen Buch „Yes, I can“, gibt sie wissenschaftlich untermauerte und praktisch durchführbare Anleitungen für eine gesunde Ernährungsweise, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen gut tut.

 

Ein Interview von Marianne Scherer

Wie definieren Sie ein bewusstes Leben?

Es geht darum, erst einmal zu wissen, wer ich bin, was mir gut tut und dieses Sein und die Bedürfnisse zu achten und umzusetzen. Wenn ich so für mich sorge, bin ich in einem Zustand der Unabhängigkeit von dem, was Andere tun oder lassen und kann dann entspannt mit meinen Mitmenschen umgehen. Das „Basistraining“ findet bei uns selbst statt.

Worin besteht der erste Schritt zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst?

Sich Zeit zu nehmen für sich selbst. Wir nehmen uns ja meist gar nicht wahr, weil wir so viel im Außen sind und von den Dingen und Menschen, die uns umgeben, beeinflusst werden. Sich Zeit nehmen für sich selbst, heißt in diesem Falle nicht Wellness, Musik oder Lesen, sondern in sich hinein zu lauschen, sich Fragen zu stellen oder ein Coaching zu machen, um Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Denn Erkenntnis ist immer der erste Schritt zur neuen Erfahrung.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Hemmnisse für ein stressfreies Leben?

Dass uns niemand beigebracht hat, an uns selbst zu denken. Wir suchen die Verantwortung dafür in unserer Umwelt. Der Chef macht Stress, der Partner, der Körper. Doch oft haben wir gar keine Vorstellung davon, wie es anders sein könnte. Ich frage deshalb oft: „Was möchten Sie stattdessen erleben?“ Es ist wichtig, Bilder und Ideen zu haben, wie die persönliche Definition von Glück lautet, wie es ganz konkret aussieht. Dann können wir uns dafür entscheiden und diese Bilder umsetzen. Es ist besser zu sagen: Ich brauche jeden Tag eine halbe Stunde Zeit ganz für mich allein, sich also auf ein erstrebenswertes Ziel hinzubewegen, als etwa zu sagen: Ich will weniger Überstunden machen.

Psyche, Stress, Gewicht – wie hängt das zusammen?

Wir wissen, dass das Stresshormon Cortisol ein Dickmacher ist, vor allem am Bauch. Stress ist mit negativen Bewertungen verbunden und macht Appetit, da der Blutzucker bei Stress sinkt. Wichtig ist also, sich der eigenen negativen Gedanken und Gefühle bewusst zu werden. Ganz oben auf der Liste der Stressoren steht die Unzufriedenheit mit sich. Stellen Sie sich diesen Teufelskreis vor: Sie steigen frühmorgens auf die Waage, sind über Ihr Gewicht entsetzt und haben damit das erste negative Gefühl. Sie nehmen sich vor, weniger zu essen, haben aber so viel um die Ohren, dass Sie den Gummibärchen nicht widerstehen können. Darüber ärgern Sie sich noch mehr. Und so geht es weiter. Am Abend sind Sie dann so erschöpft, dass Sie über Ihr Essen nicht mehr nachdenken wollen und unvernünftig essen, denn jetzt ist es sowieso schon egal. Die Stresshormone freuen sich, aber Sie sind unglücklich und unzufrieden mit sich selbst.

Gibt es Ernährungsregeln, die allen dienlich sind?

Eine Menge. Meine Favoriten sind: Essen Sie so wie Oma: regional, saisonal, natürlich. Oder essen Sie so wie Sie leben wollen: gesund, freudig, sinnvoll, langsam und genussvoll. Oder essen Sie dunkle Schokolade, bevor Sie Heißhunger darauf haben, also regelmäßig. Dann behalten Sie neben Gesundheit und Genuss vor allem die Kontrolle.

Haben Frauen anderen Stress als Männer?

Die Stressoren für Männer und Frauen sind in der Tat verschieden. Krank machender Stress entsteht bei Frauen eher aus Störungen in ihren Beziehungen, während Männer mehr Stress durch Probleme im Berufsleben haben. Frauen erleben mehr Stress in Hinblick auf ihren Körper und ihr Aussehen, mit dem die meisten nicht zufrieden sind. Männer sind in dieser Hinsicht wesentlich entspannter. Dafür können Frauen sich besser wahrnehmen und verwöhnen sich öfter mal. Da können die Geschlechter voneinander lernen. Die beste Methode gegen Stress ist Lebensfreude, denn sie stärkt unser Immunsystem. Die Freude am Leben ist Stressprophylaxe und Achtsamkeitstraining zugleich. Deshalb ist es am wichtigsten herauszufinden, was einem wirklich Freude macht und dies dann auch zu tun.

 

Ein Fallbeispiel aus der Praxis von Frau Dr. Bürgel:

Eine Mittvierzigerin, Mutter zweier Kinder und gestresste Geschäftsfrau, die von sieben Uhr morgens bis 20 Uhr abends sechs Tage die Woche durchpowert, kam in meine Praxis, da sie mit ihrer Figur unzufrieden ist und unbedingt abnehmen möchte. Das erste Burnout hatte sie gerade hinter sich und lebt seither ständig mit Angst und Schmerzen. Mit der Technik des mentalen Kontrastierens erarbeiteten wir gemeinsam, worum es in Ihrem Fall eigentlich geht. Dabei kam zum Vorschein, dass sie befürchtete bei ihrem jetzigen Lebensstil bald völlig am Ende zu sein, was ihr extra Stress verursachte. Als größte Sorge zeigte sich, dass sie dann ihre Kinder im Stich lassen müsste.

Besonders wichtig zur Stressreduzierung war die Erkenntnis, dass ein Diätplan hier nur eine zusätzliche Belastung bringen würde. Wie viele andere Menschen auch, hatte sie sich schon oft vorgenommen, ihren Lebensstil zu ändern, konnte dies aber nur kurzfristig durchhalten. Wir suchten also nach attraktiven Motiven, um vom Wollen ins Tun zu kommen und wurden schließlich in ihrer Mutterrolle fündig. Die Vorstellung, wie sie schon jetzt mehr Zeit mit ihren Kindern verbringt, vor allem aber ein fitte und ausgeglichene Mutter ist, die ihre Kinder aktiv ins Leben begleitet und dieses lange in Bestform mit ihnen teilt, war der Schlüssel zur Veränderung.

Anhand von Visualisierungsübungen entwickelten wir kraftvolle Bilder zu diesem tief in ihr verankerten Wunsch, die tief im Unterbewusstsein verankert werden und viel mehr bewirkten als logische Argumente. Die belastende Vorstellung „Ich muss abnehmen“, haben wir mit positiven Bildern ersetzt wie z. B. regelmäßigen, entspannten Mittagspausen, dem Erlernen einer Stressreduktionstechnik oder einer regelmäßigen fünfzehnminütigen Pause ganz für sich allein, wenn sie nach Hause kommt. Durch diese positiven Bilder, die mit den inneren Wünschen, also den eigentlichen Bedürfnissen, korrespondieren, geht in der Zukunft auch mit großer Wahrscheinlichkeit eine Gewichtsreduktion einher. Denn viele überflüssige Kilos entstehen u.a. durch Unachtsamkeit und mangelnde Selbstfürsorge.

 

Nützliche Tipps von Frau Dr. Bürgel:

  • Wählen Sie sich zum wichtigsten Menschen in Ihrem Leben.
  • Wandeln Sie Wünsche in Ziele um.
  • Visualisieren Sie Ihre Ziele.
  • Beginnen Sie zu „wollen“ statt zu „müssen“.
  • Sie sind unvergleichlich.
  • Bleiben Sie, wer Sie sind.
  • Sie dürfen alles und immer.
  • Reagieren Sie auf Stress anders.
  • Denken Sie mit dem Herzen.

Autorin: Marianne Scherer

 

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