Potentialentfaltung und Lust am Lernen sind die neuen Wege. Das alte Schulmodell hat ausgedient. Wie sehen die neuen Modelle aus? Ein vielversprechendes Konzept wird gerade in Finnland erfolgreich und zukunftsweisend erprobt und der Regierung zur Umsetzung eingereicht.

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98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch 2%.

Lernen der neuen Zeit geht mit Individualität und Begeisterung

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Erwin Wagenhofer
98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch 2%.

Gemeinsam, bunt und mit Begeisterung

So wird das neue Lernen aussehen. Anstatt im Frontalunterricht, wo der Lehrer von vorn im Monolog einer in den Schulbänken hängenden und unterschiedlich motivierten Kinderschar das Fachwissen oft monoton vorträgt und eintrichtert, wird nun im Pisa-Studien-Land Nummer 1, Finnland, an einem zeitgemäßeren Modell geprobt – „Themenbezogenes Lernen“.

Hierzu entfallen alle Fächer und der traditionelle Stundenplan. Die Lehrer erarbeiten im Teamwork Themengebiete – von den Finnen als „Phänomene“ bezeichnet – zu denen sich die Schüler, die Interesse daran haben, in Gruppen zusammenfinden können, um das Thema gemeinsam zu bearbeiten. Lehrer werden auch, anders als bisher, die Rolle des Beobachters übernehmen und bei Fragen, die während des Bearbeitungsprozesses bei den Schülern auftauchen, Hilfestellung geben. Dies fördert die Kommunikations- und Teamfähigkeit und soll den Heranwachsenden die Möglichkeit eröffnen, sich mehr in Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu üben, und sie darüber hinaus viel besser auf ihr Leben vorbereiten. Dazu gehört auch, dass sie sich selbst durch diese Form der Wissensaneignung mehr in den ihnen angeborenen Fähigkeiten und Interessenswelten austesten können und darin bestärken.

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Und genau darin liegt die größte Stärke dieses Modells – mich dem zu widmen, was mich interessiert und mir Spaß macht – mich begeistert.

Die Schule produziert leidenschaftslose Pflichterfüller

Kaum etwas anderes beflügelt und motiviert mehr den Eigenantrieb. Das weiß auch der deutsche Neurobiologe und Autor Prof. Dr. Gerald Hüther, der sich seit Jahren für eine Reformation im Umgang mit Kindern und den derzeitigen Bildungssystemen einsetzt, sowie für eine Neuausrichtung der Biologie des 21. Jahrhunderts plädiert. Seiner Ansicht nach sind unsere Vorstellungen von Begabung und Intelligenz grundlegend verkehrt, und sei unser derzeitiges aus dem vorigen Jahrhundert stammende Schul-und Bildungssystem noch viel zu stark auf Wissensvermittlung und das Erreichen guter Zensuren fokussiert. Die Schule produziert leidenschaftslos gewordene Pflichterfüller stellt Hüter fest. So würden auch Noten wenig für ihn aussagen, außer dass meist diejenigen gute Zensuren haben, die sich am besten an die Systemanforderungen anpassen können. Oft sind es jedoch genau auch diejenigen, die zwar gut funktionieren, jedoch darüber ihre eigenen tatsächlichen Vorlieben und Leidenschaften verloren haben.

Seine Erkenntnis liegt unter anderem darin, dass das Hirn vor allem Begeisterung benötigt, um nachhaltig zu lernen. Im Zuge seiner Forschung fand er heraus, dass unser Gehirn kein durch ständiges Üben zu trainierender Muskel ist, sondern die Aktivierung dann stattfindet, wenn derjenige, der lernt, es für sich selbst als wichtig beurteilt. Denn dadurch fühlt man sich berührt, was zur Folge hat, dass die emotionalen Zentren angeregt werden. Genau dieser Vorgang führt im Gehirn dazu, dass eine Art „Dünger“ ausgeschüttet wird, und im Zustand dieser Begeisterung das damit in Gang gesetzte Netzwerk dazu bringt, das Gelernte auch gut zu behalten. Darum schließt Hüther auch aus, dass Lernen durch Druck sinnvoll ist. Vielmehr bräuchte es Schulen als Orte der Potentialentfaltung, in denen den Kindern nichts aufdoktriert wird, sondern sie selbst frei ins Lernen kommen, mit dem, wofür sie sich begeistern. Es benötigt zum Erlangen von langzeitigem Wissen, dass man sich selbst die Fragen stellen kann, und dadurch motiviert ist, die Antwort selbst herauszufinden.

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Aktuelle Schulsysteme sind veraltet

„Das aktuelle Schulsystem ist veraltet», so auch Marjo Kyllönen, Helsinkis Schulmanagerin gegenüber dem britischen «Independent». Dies erschwere vielen den Einstieg ins Berufsleben. Mit dem neuen Modell sollen sowohl Schüler als auch Lehrer wieder Freude am Lernen gewinnen. Denn auch die Lehrkräfte sind Leidtragende des alten Systems, die einst losgezogen sind, um Kindern bei Lernprozessen zu helfen, und im Zuge der maroden Lehrmethodik nun häufig demotiviert und entkräftet sind – so wie die Schüler. Diesen destruktiven Prozess stellt Prof. Dr. Gerald Hüther auch unter wirtschaftliche Gesichtspunkte. Denn rechnet man sich mal aus, was es langfristig für einen sozial-wirtschaftlichen Schaden mit sich bringt, wenn ein entmutigter Mathelehrer etwa 20 Kindern jährlich die Freude an Mathematik verdirbt, und einhergehend generell an den Naturwissenschaften, dann ist auf einmal unwiderruflich etwas kaputtgegangen, was möglicherweise die gesamten Lebensweg und Entwicklung des Kindes belastet.

Bis 2020 ist es Kyllönen’s Ziel, dass alle Schulen Finnlands nach Themen unterrichten. Ein entsprechendes Konzept legte sie der finnischen Regierung vor. Um sich dem Modell zwischenzeitlich anzunähern, ist es angedacht, dass sich in den Schulen mehrere Wochen im Jahr dem „Thematischen Lernen“ gewidmet wird. In einigen Einrichtungen sind derartige Testphasen bereits angelaufen. „Viele Lehrer stellten sich anfangs quer“, erklärte Schulmanagerin Kyllönen. „Wenn sie sich dann aber erst an die neue Methode gewöhnt haben, wollen sie nicht mehr zurück.“.

Bis heute habe man bereits 70 Prozent der Lehrer für den neuen Ansatz ausgebildet. Mit dem ausgezeichneten Ranking Finnlands in der Pisa-Studie zieht das Land folglich die Blicke mit seinem neuen Lernmodell auf sich. So zeigte auch Großbritannien Interesse dafür. „Schulen sollten Kinder nicht durch ‹Prüfungs-Fabriken› jagen“, äußerte Tristram Hunt von der sozialdemokratischen Labour Partei. Sie sollten lieber dafür sorgen, dass die Schüler Charakter und Ausdauer entwickelten.

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Wie können wir Kinder & Jugendliche inspirieren?

Prof. Dr. Gerald Hüther im Interview auf YouTube.

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Prof. Dr. Gerald Hüther

Prof. Dr. Gerald Hüther studierte Biologie in Leipzig und wurde dort auch promoviert. Bis 2005 arbeitete und publizierte er auf dem Gebiet der experimentellen Hirnforschung, und betrieb bis Anfang 2013  an der Psychiatrischen Klinik der Universitätsmedizin Göttingen eine „Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung“, die keine Einrichtung der Universität Göttingen ist, sondern von Hüther selbst getragen wird. Seiner Ansicht nach gilt, sich in die Lebewesen hineinzuversetzen, das zu sehen, was alles Leben verbindet. Gemeinsam sei allem Leben die Fähigkeit zur Selbstorganisation, der Autopoiesis. Hüther leitet in Zusammenarbeit mit dem Pädagogen Karl Gebauer seit 2002 das Informationsnetzwerk WIN-Future. Er initiierte den seit November 2000 jährlich stattfindenden Göttinger Kongress für Erziehung und Bildung, und ist Gründungsmitglied folgender Netzwerke: Archiv der Zukunft – Netzwerk für SchulentwicklungWissenschaftliches interdisziplinäres Netzwerk für Erziehung und Bildungsfragen, Netzwerk für humanitäre Fragen in der Wirtschaft Forum Humanum.

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Quellen:

www.20min.ch

www.derstandard.at

www.lernwelt.at

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