Im Ursprungsland des Yoga, in Indien, ist Raja Yoga die klassische Form, der Yoga der Meditation. Er ist mehr als eine Sammlung von Körperübungen oder Meditationstechniken, um die Menschen zu... innerer Harmonie und körperlichem Wohlbefinden zu führen.

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Raja Yoga stellt vor allem einen Entwicklungsweg zur Befreiung und Emanzipation des Menschen dar. Er tut dies – im Gegensatz zu westlicher Wissenschaft – immer mit dem Blick auf das Göttliche, mit dem ständig verbunden zu sein das eigentliche Ziel ist. Die Annahme einer je eigenen Gotteserfahrung für alle Menschen – im Einssein mit dem eigenen höheren Selbst – ist die zentrale Botschaft des Yoga. Diese Erfahrung ist möglich, da alle Wesen des Kosmos Anteil am Göttlichen haben. In dieser Grundaussage trifft sich der Raja Yoga mit vielen anderen mystischen Richtungen.

Der göttliche Kern in uns muss allerdings erst bewusst gemacht und freigelegt werden. Die Arbeit daran ist Gegenstand des Yogawegs. Ziel des Yoga ist es, das Göttliche unverstellt im eigenen Innen zu erfahren. Verwirklichung heißt somit für den Yoga, in den Zustand des Göttlichen einzutreten. Das bedeutet, gleichzeitig höchster Seinserfahrung, höchster Erkenntnis und größter Glückseligkeit teilhaftig zu werden (Sat-Chit-Ananda in der Terminologie des Yoga).

Die Methode des Raja Yoga besteht nun darin, unseren Geist in die Lage zu versetzen, die Erfahrung des Göttlichen zu machen. Das Geistige im Menschen wird im Yoga umfassend und in einer großen Tiefe und Vielfalt kultiviert. Dies ganz zentral in der Ausrichtung auf das höchste Geistige, aber auch in allen weltlichen Belangen – ob es um die Berücksichtigung des Vor- und Unbewussten in seiner Bedeutung für die alltäglichen Entscheidungen geht, oder um die umfassende Rolle, die dem Geistigen als Ausgangspunkt aller kreativen Prozesse, ja, als der verursachenden Instanz für alles beizumessen ist, was uns im Leben zustößt.

Der Yoga stellt auch die entsprechenden Übungen bereit, um alle Facetten des Geistigen zu entwickeln. Intuition und Kreativität werden im Yoga durch Meditation und Innenschau entwickelt, die Ich-Instanz kann durch die Übung der Loslösung von ihrer Egozentrik befreit werden. Gedanken und Gefühle werden durch Meditation und durch die Arbeit an unseren prägenden Projektionen – also durch die Beseitigung der Hindernisse im eigenen Inneren – so modifiziert und gelenkt, dass sie keine Hindernisse mehr für das Ziel des Yoga darstellen.

Ganz wird der Mensch also nicht, indem er etwas erwirbt, sondern indem er sich von all seinen Projektionen, Vorurteilen und Begierden freimacht. Erst dann kann die göttliche Energie ungehindert durch ihn hindurchfließen. Zu den yogischen Prinzipien gehört es, in allem Streben von der Erfahrung und Verantwortung des eigenen Inneren auszugehen, sowie Unerwünschtes, Schlechtes nicht zu bekämpfen, sondern das Ganze durch Hinzufügung von Gutem, Erwünschtem ins Gleichgewicht, in Harmonie zu bringen. Die Schulung und Bildung des Charakters kann nur in einer Entwicklung aller geistigen Bereiche und durch wiederholte Übung erreicht werden, wie dies etwa neuerdings die positive Psychologie feststellt. Intellektuelle Einsicht allein reicht dafür nicht aus.

Die im Yoga angewendeten Methoden haben sich im Lauf seiner langen Tradition gewandelt und den modernen Lebensumständen angepasst. Seine Prinzipien sind freilich die gleichen geblieben. Aus der Tradition der Bhagavad Gita hat sich so etwas wie ein ‚mittlerer Weg’ herausgebildet, dem viele der neuen Schulen und Systeme des Yoga folgen. Mittlerer Weg heißt, dass die Menschen in Gesellschaft und Familie ihren Aufgaben mit Verantwortung nachkommen, während sie dem Yogaweg folgen.

Der mittlere Weg bezeichnet eine Gleichwertigkeit und Ausgewogenheit der verschiedenen Praktiken des Yogawegs. Liebe, Erkenntnis und Handeln – also Bhakti, Jnana und Karma in der Terminologie des Yoga – können alle zur Gottesverwirklichung führen. Extreme der Lebensführung sind zu meiden.

Der Yogaweg im engeren Sinn, also die konkret zu praktizierenden Übungen, sind in Anbetracht der Universalität der Bemühung vergleichsweise einfach. Da ist zum Einen die Meditation: In der inneren Fokussierung auf unser yogisches Ziel, in der Fühlungnahme mit der höheren Ordnung, dem höchsten Geistigen in uns lernen wir, uns auszurichten und in dieser Ausrichtung zu bleiben. Gleichzeitig nehmen wir in der Meditation all unsere charakterlichen Prägungen wahr und lernen, uns so anzunehmen, wie wir sind.

Dazu ist allerdings auch die Arbeit an unserem Schatten, an unseren Projektionen nötig: diese erfolgt durch konkrete Reinigungsübungen und durch das Anwenden der Prinzipien und Lebensregeln des Yoga im Alltag. Man kann es so formulieren: Die Meditation schafft die Voraussetzung für unsere Entwicklung, die Entwicklung selbst müssen wir tun, durch die Charakterarbeit, durch das Wahrnehmen unserer Verantwortung in der Gesellschaft.

Die Lebensform des Yoga kann uns – philosophisch gesprochen – aus der Überbetonung des Verstandesmäßigen und Materiellen, aus unserer Fixierung auf das Ich befreien. Damit ist sie für uns überaus aktuell. Sie verspricht existenziellen Sinn, inneren Frieden und Harmonie in einer Welt, die immer schnelllebiger und chaotischer wird. Sie erfüllt die Sehnsucht nach Transzendenz in einer Form, die in ihrer inneren Ausrichtung verbindlich und dennoch frei ist von äußeren Vorschriften und Geboten.

Friedel Marksteiner

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