In der Regel sehen wir unsere Lebensmittelversorgung als selbstverständlich. Allerdings sollte uns bewusst sein, dass die Tatsache eines immer vollen Kühlschranks alles andere als selbstverständlich ist. Es besteht fortwährend die Gefahr, dass wir, durch welche Umstände auch immer, nicht mehr beliefert werden. Urban Gardening kann hier unter anderem als Notfallplan wirken und vor Hungersnot und Lebensmittelausfall schützen. Dabei ist das Prinzip der städtischen Gärten längst kein „Trend“, den sich die „Hippies“ von heute ausgedacht haben.

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Urban Gardening – kein Trend der Neuzeit

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Bereits am Ende des Ersten Weltkrieges raf der damalige US-Präsident Woodrow Wilson die Bevölkerung dazu auf, Victory Gardens, wie sie damals genannt wurden, anzulegen, um das Volk vor Hungersnot zu schützen. In einer 1919 erschienenen Broschüre (Link zur Broschüre in der Quellenangabe), wird an das Volk appelliert, zusammenzuhelfen, da nur so verhindert werden kann, dass Millionen von Menschen hungern. Der Grund für die wachsende Nachfrage an Lebensmitteln war, dass die USA nach Kriegsende auch das vom Krieg zerstörte Europa ernähren mussten, und für diese Menge reichte die alleinige Produktion der industriellen Landwirtschaft nicht aus. Also wurden kurzerhand Hinterhöfe, Gärten aber auch Brachen in Städten und Vorstädten zur Lebensmittelproduktion für die Allgemeinheit umfunktioniert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Welt erneut vor einer Lebensmittelkriese und die Victory Gardens wurden wiederbelebt. Laut der New York Times (Link in der Quellenangabe) haben die Gartenparzellen rund 40 Prozent der gesamten Lebensmittelversorgung Amerikas ausgemacht. Aber auch in Deutschland war das Thema Urban-Gardening in aller Munde. So wurden beispielsweise vor dem Brandenburger Tor Grünflächen gepflanzt, auf denen Gemüse wuchs. Als es dem Land allmählich wieder besser ging, übernahmen, sowohl in den USA als auch in Europa, die großen Landwirtschaftsbetriebe wieder die Versorgung der Länder und das Gemüse wurde kurzerhand von Blumen ersetzt.

Frisches Obst und Gemüse sind in der Stadt keine Selbstverständlichkeit

Wenn wir in den Supermarkt gehen, fällt schnell die Vielfalt auf, welche der Markt zu bieten hat. Von asiatischen Produkten über türkische bis hin zu japanischen ist fast alles dabei, was unser hungriges Herz begehrt. Und auch bei den Früchten und dem Gemüse sieht die Auswahl nicht anders aus. Mangos, Bananen, Ananas, Papaya…ich könnte ewig so weiter machen. Das alles sind Früchte, die wir zwar kennen, seit wir denken können (also zumindest die westliche, jüngere Generation), dennoch ist es nicht selbstverständlich, das unsere Läden solch exotischen Früchte anbieten, denn alles, was importiert wird, muss auch erst einmal aus einem anderen Land zu uns kommen. Sei es über Flug, Schiff oder was auch immer. Sind diese Wege nun aber durch Kriege, Pandemien, Sanktionen etc. blockiert, ist Schluss mit dem Bananenbrot. Uns muss einfach klar sein, dass unsere Versorgung teilweise auf extrem komplexen Wertschöpfungsketten beruht, und auch wenn uns das beim Einkaufen gar nicht bewusst ist, diese Wertschöpfungsketten können schneller zusammenbrechen als wir denken.

„Essbare Stadt“? – Green City machts möglich

In München gibt es ein Projekt, welches bereits seit 30 Jahren Münchner Bürger dazu einlädt, eine Grünfläche der Baumschule Bischweiler zu nutzen, um Kräuter oder Gemüse anzubauen. Die interessierten Bürger übernehmen eine Saison lang eine sogenannte „Beetpatenschaft“ und erhalten somit eine ca. zwei Quadratmeter große Grünfläche, die sie für ihre Eigenversorgung frei nutzen können. Die Saison geht von März bis November und kostet die Interessenten einen Unkostenpreis von einmalig 50 Euro. Was nicht viel ist, wenn man sich überlegt, wie viel Geld man durch die Selbstversorgung spart. Neben der Grünfläche bekommt der „Mieter“ außerdem eine Einweisung, die Grundausstattung an Samen sowie Pflanztipps, eine monatliche Sprechstunde, Gießwasser und die Nutzung der Werkzeuge vor Ort.

Das Projekt Green City wurde 1990 von sieben jungen Visionären gegründet, die davon träumten, München zu verändern. Angefangen mit dem Namen München 2000 Autofrei e. V. verfolgten sie zunächst das Ziel, den Autoverkehr in der Stadt einzudämmen, das öffentliche Verkehrsnetz zu verbessern, und mehr Geh- und Radwege einzurichten. Das junge Team versuchte die Münchner durch positiv angelegte Aktionen zu mehr Umweltschutz zu begeistern, wodurch letztendlich die Idee der Green City entstand.

Diese bekannten Urban-Gardening Projekte gibt es außerdem

München ist aber bei Weitem nicht die einzige Stadt, die auf den Grünen Umweltzug aufgesprungen ist. Weitere prominente Beispiele sind der Prinzessinnengarten in Berlin am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg, welcher bereits seit 2009 wächst und gedeiht. Damals noch eine vermüllte und verwahrloste Freifläche ist der Prinzessinnengarten heute einer der schönsten und berühmtesten Deutschlands.

Dann gibt es da noch das Bambis Beet in Freiburg, welches seine Leute seit 2012 mit frischen Lebensmitteln versorgt und seinen Sitz direkt vor dem Freiburger Stadttheater hat. Als künstlerisch-politische Antwort auf Vorschläge der Stadtplaner, welche aus der vorhandenen Wiese einen gepflasterten Platz machen wollten. Der Garten ist für die Freiburger frei zugänglich, somit im ständigen Wandel und ein echter Hingucker für jeden Besucher.

Ein weiteres prominentes Exemplar in Deutschland ist der o-pflanzt-is-Garten in, wer hätte es gedacht, München. Der Gemeinschaftsgarten gilt als ökologisches Vorbild, wenn es darum geht, Gemüse und/oder Kräuter ganz, ohne synthetischen Dünger zu pflanzen. Aber auch im Bereich Bienenschutz gehen die Hobbygärtner mit gutem Beispiel voran, wobei viel Wert auf Recycling und das Vermitteln von Wissen in Bezug auf die Prinzipien der Permakultur gelegt wird.

Neue Technologien machen Unmögliches möglich

In den oben beschriebenen Urban-Gärten wird in den meisten Fällen noch das Prinzip der traditionellen Art verfolgt. Also ohne großen Schnickschnack und großartig technische Geräte. Im Grunde besteht das Urban-Gardening aus nichts anderem als dem gemeinschaftlichen Anlegen von Beeten auf dem Balkon, im Vorgarten, dem Hinterhof oder auf dem Flachdach.

Neben dem traditionellen Urban-Gardening bietet das 21. Jahrhundert aber bereits weitere Möglichkeiten unsere Städte grüner und „essbarer“ zu machen. Indoor-Farming und Vertical Farming, sind Begriffe, welche die Zeit der Moderne hervorbringt. Hier wird auf künstliches Licht, moderne Bewässerungsanlagen und spezielle Aufzuchtformen gesetzt, welche die gezielte Steuerung von Luftstrom und Temperatur, sowie den vertikalen Anbau in mehreren gestapelten Schichten ermöglicht. Der Vorteil: Der Anbau kennt keine Jahreszeiten. Sowohl im Winter als auch im Sommer ist es möglich Gemüse, Kräuter oder auch Obst selbst anzubauen.

Auch der große industrielle Anbau von Lebensmitteln in der Stadt kann mit dieser Technik ermöglicht werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Münchner Start-up-Unternehmen Agrilution, welche den sogenannten Plantcube entwickelt hat, der sich beispielsweise in einer Küchenzeile integrieren lässt. Der Plantcube verfügt über zwei Ebenen, die zum Anbauen von Salat oder Kräutern geeignet sind. Für den Anbau der Lebensmittel wird keine Erde benötigt. Lediglich die Saatmatten, welche aus einem Substrat bestehen, das aus Wollresten hergestellt wird, reichen aus, um zum Selbstversorger zu werden. Die Wurzeln der Pflanzen wiederum, hängen ins Wasser, welches mit den nötigen Nährstoffen angereichert ist.

 

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Quellen:

https://1e9.community/t/koennen-sich-staedte-mit-urban-gardening-und-vertical-farming-selbst-ernaehren/4550

https://www.greencity.de/essbare-stadt/

https://prinzessinnengarten.net/

https://www.theater.freiburg.de/blog/?cat=554

https://o-pflanzt-is.de/

Broschüre: https://archive.org/details/victorygardensfe00pack/page/8/mode/2up

Artikel New York Times: https://www.nytimes.com/2020/03/25/dining/victory-gardens-coronavirus.html

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