Nation, Geschlecht, Religion, Geld sollen hier keine Rolle spielen. Auroville will der Menschheit gehören. Das kann man belächeln oder man schaut es sich an. Rund 2.500 Menschen leben hier. Diese wollen vieles anders, vor allem besser machen. Auroville: das ist ein Experiment. Gelegen ganz im Süden Indiens, nahe der Ostküste, im Bundesstaat Tamil Nadu. 

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Als Gilles 1973 zum ersten Mal hier ankam, war hier nichts. Keine Bäume, keine Häuser. Nur ein paar Hütten, trockene rote Erde und eine mörderische Hitze. Dennoch: Er verliebte sich in die Idee.

„Wenn es Auroville nicht gebe, man müsste es erfinden“, sagt Gilles.

Er lebt jetzt seit 35 Jahren hier. Er ist in seinen 60ern, hat graue Haare, trägt Brille, rosafarbenes Hemd, helle Hose. Gilles wirkt selbstsicher, ein Machertyp. In Frankreich war er Ingenieur – Aussicht auf Karriere. Aber er suchte nach etwas Anderem.

„Ich war immer glücklich hier. Ich habe nie, niemals meine Entscheidung bereut. Und ich hatte in Frankreich ein sehr gutes Leben – materiell. Hier ist ein Ort, wo Menschen nach einem anderen Leben streben. Und sie wissen, was sie vor allem ändern müssen: sich selbst. Es ist ein Labor, um eine individuelle und kollektive Transformation zu entwickeln.“

Gemeinsam mit der indischen Regierung wurde das Konzept einer universellen Stadt auch den Vereinten Nationen präsentiert. 1966 beschloss die UNESCO eine Resolution, in der die Anerkennung und die Unterstützung des Projektes erklärt wird. Die Eröffnungs- und Einweihungszeremonie am 28. Februar 1968 wurde vom indischen Präsidenten, Vertretern aus 124 Nationen und 23 indischen Staaten begleitet, die, um das „universelle“ bzw. „planetare Eigentum“ zu symbolisieren, Erde aus ihren Heimatländern mitbrachten und im Zentrum der Stadt in eine eigens dort für diesen Zweck errichtete, einfache Urne aus weißem Marmor gaben und versiegelten. Rund um die Urne entstand der Versammlungsplatz für die Stadtgemeinschaft und direkt daneben das sakrale Zentralgebäude im Kerngebiet der Stadt Auroville, das Matrimandir.

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Die Frau hinter dieser Utopie war damals schon 90 Jahre alt: die Französin Mirra Alfassa. Viele in Auroville nennen sie „die Mutter“. Sie war die spirituelle Gefährtin des indischen Philosophen und Yogis Sri Aurobindo. Um ihn bildete sich ab 1920 ein Ashram im Nahe gelegenen Pondicherry. Mirra Alfassa organisierte und leitete später den Ashram. Und sie war es, die die Idee einer universellen Stadt verfolgte und dafür kämpfte.

Die Solar-Küche ist am Wochenende für viele ein wichtiger Treffpunkt. Der Speisesaal ist voll. An den vielen Tischen sitzen etwa 70 Männer, Frauen, Kinder. Es wirkt wie ein riesiges Mehrgenerationenprojekt und ein bisschen wie aus dem Ikea-Katalog – sehr multikulti. Ein Drittel der Aurovillaner sind Inder, dann folgen die Franzosen, die Deutschen, die Italiener; insgesamt leben hier 49 Nationen.

Dieses Labor will eine Stadt für eine neue Gesellschaft sein. Es gibt ein futuristisches Rathaus, Schulen, kleine Firmen, Landwirtschaft, Tourismus. In Auroville kann man tun. Eine Solarküche bauen? Klar. Integrales Yoga unterrichten? Auch gut. Man selbst setzt seine Idee um, man sucht sich Unterstützer und Mitmacher. Auroville gibt Geld für Projekte. Für Schulen, aber auch für eine Keramikwerkstatt oder ein Cafe – bringen diese Geld, fließt ein Teil der Gewinne zurück.

Außerdem bekommen alle in Auroville denselben monatlichen Freibetrag, eine Art Grundeinkommen – ein Mix aus Dienstleistungen, Grundnahrungsmitteln, etwas Bargeld. Dafür arbeitet man fünf Stunden täglich für Auroville. Doch dieser Freibetrag reicht kaum zum Leben. Deshalb haben viele noch einen oder mehr Jobs. Man macht das, was man kann. Und ein Haus, das man sich hier baut, gehört Auroville.

Der Name Auroville bedeutet Stadt der Morgenröte. Das auch das Symbol des Ortes – das Matrimandir: ein Tempel in Form einer imposanten Kugel, widerspiegelt. In den großen Innenraum fällt von außen gedämpftes Licht, das in ein Rot-Orange getaucht wird. Man fühlt sich wie an einem sonnigen Morgen. An der Innenseite führen zwei Rampen gegenläufig nach oben beziehungsweise unten – fast formen sie eine Spirale. Im Inneren wird das Licht gebrochen und gleichmäßig im Raum verteilt. Sanft, fast unwirklich wirkt es. Einnehmend.

Quelle: auroville.org

 

Der französische Architekt Roger Anker plante die spiralförmig angelegte Siedlung, die einer Galaxie ähneln soll und in ihrem architektonischen Aufbau andere „wunderbare Städte, in denen Leute nach einem harmonischeren Leben streben“ inspirieren soll, wie es auf der Webseite der Stadt heißt.

„Es ist ein Ort, an dem Menschen nach einem anderen Leben streben. Und sie wissen, dass sie dafür vor allem sich selbst ändern müssen. Was ist nicht gut in der Welt? Man kann sagen, das System. Aber die Menschheit hat so viele Systeme ausprobiert. Keines hat die Lösung gebracht. Wir müssen unser Bewusstsein ändern.“ sagt Gilles.

Es gibt Arbeitsgruppen zu Finanzen, nachhaltiger Landwirtschaft oder auch für die Visionssuche. Die Menschen basteln an ihrer Stadt – basisdemokratisch:

„Es gibt hier keine Führer. Es ist eine kollektive Bewegung von Menschen, die die gleichen Ideale teilen – mit unterschiedlichen Abstufungen. Manche sind sehr idealistisch und andere denken, toll, das ist ein komfortabler Ort. Das ist ok! Wir lassen die Menschen hier machen.“

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Auroville bietet also reichlich Freiräume, aber ist kein Rundum-Sorglos-Paket. Und das Engagement der Menschen? Auch in Auroville sind nicht alle gleich. Es gibt die Überzeugten, die sich leidenschaftlich ins Zeug legen – das ganze Jahr. Es gibt reiche Aussteiger, die den heißen Sommer lieber in Europa verbringen. Und es gibt jene, die mehr Interesse an ihrem eigenen als dem Wohl der Gemeinschaft haben.

Um das Matrimandir herum soll sich Auroville entwickeln und für 50.000 Menschen ein Zuhause sein. Manche in Auroville wollen strikt an diesem Masterplan festhalten. Anderen geht es um Machbarkeiten und um eine Stadtentwicklung, die sich den aktuellen Herausforderungen stellt und anpasst.

Elvira und Fabian haben sich südlich vom Zentrum der Stadt ein Haus aus recyceltem Holz gebaut. Es liegt mitten in Pitchandikulam, einem zauberhaften, dichten Wald. Über Jahrzehnte haben die Aurovillaner mit viel Mühe nicht nur hier aufgeforstet.

Quelle: pinterest

 

Kritik am Utopie-Idyll

Die Idee der geldlosen Gesellschaft funktioniert in der südindischen Siedlung bei weitem nicht problemlos. Zum einen liegt das an der Intransparenz der Stiftung, die etwa die Hälfte des Landes besitzt, auf der Auroville gebaut wurde. Eine Reporterin des Nachrichtenmagazins „Slate“ versuchte, die Geschäfte hinter der Fassade der antikapitalistischen Enklave zu verstehen – und scheiterte.

Eine Bewohnerin berichtete ihr: „Ich habe meine Wohnung vor fünf Jahren für umgerechnet 48.000 US-Dollar gekauft. Später habe ich ein Bild meines Hauses in einem Architekturmagazin gefunden. Dort stand, es wurde für 20.400 US-Dollar verkauft. Ich weiß nicht, wohin das Geld geflossen ist, ich weiß nicht, wer das Vermögen kontrolliert.“

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Zudem funktioniert auch die ambitionierte Idee von Selbstversorgung und Grundeinkommen nur bedingt: Viele der Einwohner sind aus anderen Ländern zugezogen, leben in Auroville von Ersparnissen aus der Vergangenheit. Die meisten von ihnen fliegen in den heißen Sommermonaten in ihre Heimat – um dort Geld zu verdienen, um sich das alternative Leben in Utopia leisten zu können.

„Slate“ kommt zu dem Schluss: Auroville hat sehr viel Geld. Aus Spenden, dem Geld, dass die Einwohner für ihre Häuser zahlen müssen und staatlichen Subventionen. Die Bürger dagegen leben zumindest teilweise in finanzieller Sorge.

Ein Zustand, der dem Konzept der geldlosen Gesellschaft widerspricht. Ohnehin scheint die Idee mit dem Geld in Auroville zu verwässern. Die Reporterin berichtet, bei ihrem Besuch sei sie in einer Großzahl der Läden aufgefordert worden, mit Bargeld zu bezahlen – statt mit der eigentlich gängigen „Aurocard“.

Eine Kanadierin erzählt „Slate“: „Wenn man beginnt, an der Oberfläche der Stadt zu kratzen, merkt man, dass es deutlich hässlicher ist, als von außen.“ Die Realität sei eine ganz andere, sobald man ein Teil der Gemeinschaft sei. Und tatsächlich: In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Nachrichten von Mordfällen, Suizid und Gewalt in der vermeintlich friedlichen Siedlung.

Die Zeitung „The New Indian Express“ schrieb bereits 2013, „die Sicherheit von Frauen in Puducherry und Auroville ist zu einer großen Frage geworden, nachdem zahlreiche Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigungen in der Region gemeldet wurden.“

Eine weitere Frau berichtet gegenüber „Slate“ von mangelndem Gemeinschaftsgefühl zwischen den Bewohnern: „Ich habe mir meinen Arm gebrochen und ein Freund musste aus Pune (Stadt im Osten Indiens, Anm. d. Red.) herfliegen, um mir zu helfen.“

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Alles eine Frage der Sicht?

Trotz der Probleme: Es gibt genügend Menschen, die in Auroville noch immer einen wichtigen Gegenentwurf zur durchgetakteten und –kapitalisierten Gesellschaft sehen. Viele Künstler und Freigeister scheinen in der Stadt so ihre Heimat gefunden zu haben.

Elvira und Fabian sind beide Anfang vierzig 40. Elvira hat schon mit ihren Eltern in Auroville gelebt. Nach dem Studium in Deutschland kam sie zurück. Später traf sie dann Fabian, der als Student zum ersten Mal nach Auroville kam. Seit 2003 leben die beiden mit ihren Kindern hier – permanent. Er ist Architekt, sie Mediatorin.

Beide kommen schnell auf den Punkt. Zwischendurch hatte sie ihre Krise mit Auroville. Doch sie wollen hier sein, diese Stadt mit- und weiterentwickeln.

„In Auroville sind wir in so einem Prozess. So eine Spaltung zwischen Fundamentalen und Realos. Und ich finde, die ganzen Jungen – oder viele von den Jungen, sind ganz stark auf dieser realistischen Seite anzutreffen.“

Manche suchen heute weniger nach dem höheren göttlichen Bewusstsein. Sie wollen konkrete Lösungen für Umweltprobleme entwickeln, Vorbild sein. Sie denken in Richtung eines Umwelt-Dorfes.

Die Pioniere hat jedoch etwas anderes angetrieben. Elvira Klein: „Die Leute, die hier ankamen, 1968, die waren auf der Suche nach etwas völlig revolutionär Anderem. Und Spiritualität war ein Weg in dieses Neue. Ich denke, was wir jetzt als Fundamentalismus ansehen und was sich auch jetzt als spirituell Fundamentalistisch manifestiert, war einfach absolut notwendig, um das hier überhaupt aus dem Boden zu stampfen.“

Doch manche Pioniere sehen ihren Traum nicht erfüllt. Wie sich Auroville weiterentwickelt, darüber wird also diskutiert und auch gestritten. Aber Auroville war immer ein dynamischer Ort – auch mit Konflikten. Denn es gibt eben nicht den einen Anführer, der die Zukunft diktiert. Zugleich versucht man, gemeinsam Lösungen zu finden. Und Elvira, die als Mediatorin die Prozesse nah erlebt, sieht Fortschritte.

„Was das Schöne ist, langsam habe ich das Gefühl, dass wir langsam zusammenfinden in Dialog. Dass langsam verstanden wird, dass es nicht Entweder-Oder bedeutet, sondern dass es einfach verschiedene Spielarten des gleichen Traums und der gleichen Vision ist. Und dass man Ko-existieren kann und muss mit diesen verschiedenen Arten, diese Stadt aufzubauen und dieses Utopia. Ich mag den Ausdruck eigentlich nicht. Aber dieses Gesellschaftsprojekt, das Auroville ist. Dieses Labor.“

Ob in diesem Labor irgendwann wirklich 50.000 Menschen leben werden – in Form einer Spiral-Galaxie? Eher unwahrscheinlich. Aber das ist nicht entscheidend. Auroville existiert und experimentiert weiter. Die großen Themen, Zukunftsfähigkeit, Internationalität und Solidarität, werden hier getestet. Hinschauen lohnt sich.

So ist die Frage, ob das Konzept von Auroville funktioniert, wohl auch eine Frage des Betrachtungswinkels. Die Ideen von Nachhaltigkeit und Selbstverwaltung, von freier Bildung und Experimentiergeist werden hier noch immer hochgehalten.

In vielerlei Hinsicht ist Auroville so sicherlich eine Testfläche für Konzepte, die auch anderswo in der Welt zu einer ernsthaften Option werden könnten. Probleme inklusive.

Aber auch das gehört zum „lebenslangen Lernen“.

 

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Quellen:

http://www.auroville.de

http://www.huffingtonpost.de/2016/09/21/auroville-indien-utopie_n_12116350.html

http://www.deutschlandradiokultur.de/leben-in-der-utopischen-stadt-gesellschaftslabor-auroville.979.de.html?dram:article_id=373833

http://www.deutschlandfunk.de/auroville-gesellschaftsutopie-im-sueden-indiens.1242.de.html?dram:article_id=366190

https://de.wikipedia.org/wiki/Auroville

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