Ohne den Zweifel in der Wissenschaft – und auch in der Philosophie oder in der Religion – würden wir heute noch glauben, Thor schleudere Feuerblitze vom Himmel.

Vom Vorteil des Zweifels

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Viele mögen der Meinung sein, die etablierte Wissenschaft arbeite mit dem Verfahren der Verifikation. Es werden Dinge bewiesen, und es wird anerkannt, dass sie so sind, wie sie sind. Wir haben bewiesen, dass die Gravitation den Stein zu Boden fallen lässt oder dass Antibiotika Bakterien töten. Wir haben aber einst auch bewiesen, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums ist und dass sich die Sonne um die Erde dreht. Dies wurde durch Beobachtungen eindeutig verifiziert.

Dann traten die Zweifler auf den Plan. Ohne den Zweifel in der Wissenschaft – und auch in der Philosophie oder in der Religion – würden wir heute noch glauben, Thor schleudere Feuerblitze vom Himmel. Die großen Sprünge der Menschheit wurden eben nicht durch Gläubige, sondern durch Zweifler erreicht; durch Menschen, welche die Dinge durch Falsifikation, also Widerlegung, untersuchen und anzweifeln. Kopernikus falsifizierte das damals gängige Weltbild und begründete durch seinen Zweifel, dass bis heute noch gültige Bild des Sonnensystems.

Woher nimmt die Menschheit die Arroganz zu meinen, etwas zu wissen oder erklären zu können? Wer sagt uns denn, dass die Dinge wirklich so sind, wie wir sie wahrnehmen? Woher wollen wir wissen, dass wir uns auf unsere Beweise verlassen können und dass unsere mangelhafte Wahrnehmung und unser begrenzter Geist nicht einfach nur einen für uns subjektiv schlüssigen Beweis konstruieren?

Wer sagt uns, dass nicht irgendwann uns heute noch unbekannte Prozesse, Gebilde oder Energien entdeckt werden, die unser heutiges Weltbild wieder komplett revidieren? Es galt beispielsweise lange Zeit als wissenschaftlich gesichert, dass sich das Universum immer langsamer ausdehnt, bis dieser Prozess zum Stillstand kommt und es durch die Gravitation schließlich wieder in sich zusammenstürzt. Nun wurden aber mysteriöse Materie- und Energieformen entdeckt, von denen keiner so richtig weiß, was sie sind und was sie bewirken. Als gesichert gilt aber – mal wieder –, dass eine Art dieser Materie Antigravitationskräfte besitzt, weshalb unser Universum vermutlich immer weiter expandieren wird, bis es sozusagen im leeren Nichts den Kältetod stirbt.

Diese und zahlreiche weitere Beispiele machen eines deutlich: Die einzige gesicherte Erkenntnis, die wir haben können, besteht darin, dass sich aus all unseren Erkenntnissen immer nur vorläufig gültige Modelle ableiten lassen. Auch wenn sie als noch so gesichert gelten – wir können nie voraussagen, welche neuen Fakten uns die Basis für neue Modelle liefern.

Was können wir begreifen?

Wir leben in einem fast 14 Milliarden Jahre alten Kosmos, der Geheimnisse in sich birgt, die der Mensch noch lange nicht entschlüsselt hat. Aufgrund der Expansion des Raumes gibt es Areale im Universum, deren Licht uns nie erreichen wird. Es gibt also Teile im Kosmos, die uns für immer verborgen bleiben. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, müssten wir uns die Frage stellen, ob unser Gehirn überhaupt je in der Lage wäre, das Universum in seiner Gesamtheit mit all seinen Ursachen und Hintergründen zu begreifen.

Wenn es von einem höheren Wesen, einem Gott, erdacht wurde, dann ist das menschliche Gehirn wohl kaum in der Lage, diese Gedanken nachzuvollziehen. Die Logik und Komplexität eines göttlichen Wissens bliebe dem begrenzten menschlichen Geist wahrscheinlich für immer verschlossen. Wenn hingegen alles nur ein nicht der Logik eines konkreten Sinns folgender, wissenschaftlich erklärbarer Zufall ist, bleibt immer noch die Frage, ob der Mensch in der Lage ist, die Gesetzte dieses Zufalls zu finden und zu verstehen. Möglicherweise bedarf die Menschheit noch unzähliger Jahrtausende evolutionärer Entwicklung, um die Geheimnisse entschlüsseln zu können.

Aber vielleicht wird sie auch nie dazu imstande sein. Auch ein Neandertaler wäre schließlich beim besten Willen nicht in der Lage gewesen, die Relativitätstheorie zu verstehen. Oder stellen Sie sich einen Affen in einem Kino vor: Er wird den Raum um sich herum wahrnehmen. Er wird auch den Film sehen und den Ton hören. Vielleicht erkennt er sogar einzelne Zusammenhänge, sinnvolle Abläufe oder Personen und Tiere auf der Leinwand. Aber er wird vermutlich nie begreifen, wie der Raum um ihn herum geplant und gebaut wurde und wie der Film entstanden ist oder wie der Ton in Form von Schallwellen sein Ohr erreicht. Vielleicht ist unsere Existenz in diesem Kosmos mit dem Affen in diesem Kino vergleichbar.

Warum betreiben wir Wissenschaft? Wir können nicht wissen und beurteilen, ob unsere Forschungen uns wirklich die Realität widerspiegeln und ob unsere Wissenschaft wirklich zur objektiven Wahrheit führt. Was heute als bewiesen gilt, kann morgen durch eine tiefere Wahrheit widerlegt werden. Es ist durchaus denkbar, dass die Fähigkeit unseres Gehirns, die ihm über unsere Sinnesorgane übermittelten Dinge nur so und nur in den Grenzen aufnehmen und verarbeiten kann, wie seine vorgegebenen Funktionsweisen es ermöglichen. So betrachtet, ist auch die Wissenschaft eine Glaubenssache. Wir glauben, dass die Relativitätstheorie die Realität wiedergibt. Auch die Anhänger bestimmter Religionen glauben an ein bestimmtes Modell, das in manchen Fällen sogar durch wissenschaftliche Belege untermauert wird. So stützt sich etwa der Glaube an die Gesamtheit aller Schöpfung auf das Urknallmodell. Religion und Wissenschaft sind also gar nicht so weit voneinander entfernt, wie oft behauptet.

Wer oder was ist Gott?

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Darüber hinaus ist es nicht befriedigend, nur zu beantworten, wie alles begann. Interessant ist vor allem auch das Warum. Doch darauf hat unsere Wissenschaft wahrscheinlich keine schlüssige Antwort.

Ein Gott, der nicht wollte, dass sich seine Existenz beweisen lässt, würde Mensch und Kosmos so erschaffen, dass er nicht bewiesen werden kann. Ich denke, wenn der Mensch Gott wirklich beweisen würde, käme das einem Todesurteil dieses Gottes gleich. Ein bewiesener Gott verliert seine Göttlichkeit.

Wenn das menschliche Gehirn und die Sinnesorgane konstruktionsbedingt nicht in der Lage sind, die erste Ursache, den Urgrund allen Seins, zu erkennen und zu verstehen, finden wir nur ein Nichts. Entsprechend würden wir argumentieren, es gebe keinen Gott, da wir ja nur ein Nichts gefunden haben. Aber eben genau darin, dass wir dieses Nichts gefunden haben, würde ja der Gottesbeweis liegen!

Warum fragen wir nach Gott? Warum ist uns diese Frage ins Gehirn eingeimpft? Ist das nicht schon ein Indiz für die Existenz eines Gottes? Wenn es keinen Gott gäbe, wären wir auch nicht in der Lage und hätten nicht ständig das Bedürfnis, nach ihm zu fragen.

Selbst wenn es uns eines Tages gelingen sollte, die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, definitiv mit Ja oder mit Nein zu beantworten, wären wir noch nicht wirklich weiter, geschweige denn am Ende der Kette von offenen Fragen angelangt. Selbst wenn wir davon ausgingen, dass die Existenz eines Gottes an sich keiner weiteren Erklärungen bedarf, weil Gott keiner Ursache bedarf, da er selbst die Ursache seiner Existenz ist und seine Erklärung in sich selbst trägt, bliebe immer noch die Frage nach dem Warum. Nicht nach dem Warum der Existenz Gottes, sondern danach, warum es ausgerechnet ein solches Universum und eine Menschheit mit einem Bewusstsein gibt. Diese Kette von Warum-Fragen könnte man bis ins Unendliche fortsetzen. Jede Erklärung würde eine neue Frage nach dem Warum aufwerfen. Ein allmächtiger, allwissender Schöpfer sollte diese Kette nicht einfach damit abbrechen, dass es so ist, weil er es so wollte. Nein, er sollte in der Lage sein, jede weitere Warum-Ebene zu beantworten.

Im Prinzip könnte die Frage, ob es einen Gott gibt, mit Ja oder Nein beantwortet werden. Aber eine Fragekette nach dem Warum würde immer tiefer liegende Erklärungen hervorbringen, ohne dass eine abschließende, endgültige Antwort gefunden werden würde. Denn jede Erklärung würde Aussagen enthalten, welche ihrerseits nach Erklärungen verlangen.

„Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen,
die sie gefunden haben.“

(André Gide, französischer Schriftsteller und Nobelpreisträger, 1869 – 1951)

©Text von Volker Becker

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